DIE BILDER

Die Bilder sind alle auf Holz gemalt und bestehen aus mehreren Farbschichten aus Acrylfarbe.

Es sind gemalte Skizzen von Orten zu denen ich einen Bezug habe oder einfach nur von Stimmungen, die mich bewegen.

Im Entstehungsprozess ist mir der Zufall sehr wichtig. Die Farbe wird zum Spiel, das in Bewegung bleibt. Vorder- und Hintergründe vermischen sich oder tauschen zuweilen schonmal den Platz.

Konkret gemaltes löst sich auf und gibt dem Betrachter den nötigen Raum für eigene Fantasien und Vorstellungen.

Mir ist wichtig, daß es keine Perfektion gibt, um dem Bild die unbedingt notwendige Lebendigkeit zu erhalten.

Für den Malprozess selbst heißt das: Entstehen lassen durch gelenkten Zufall und wieder zerstören an Stellen, die mir zu genau geworden sind.

Ältere Werke sind mit Dispersionsfarbe und Acydharz- lacken auf Holz gemalt.

Die ersten Farbschichten wurden in einer Nass- in -Nass- Technik auf- getragen und mittels verschiedener Materialien wieder abgezogen.

Hieraus entstand zum einen ein Spiel mit verschiedenen Farbdicken, und zum anderen ergaben sich, durch das Ko- und Adhäsionsverhalten der Farben selber, zufällige Strukturen. Diese Strukturen nutzte ich im Verlauf und erweiterte sie, um dem Betrachter das, was ich in den Strukturen sah, hervorzuholen.

Im Grunde genommen, konnte man sagen, dass ich das Abstrakte aus dem Gegenständlichen filterte, und umgekehrt das Gegenständliche aus dem Abstrakten.

Ein zweites Prinzip, das meiner Malerei zugrunde lag, war es, aus dem Chaos eine Ordnung zu schaffen, die sich bei genauerer Betrachtung wieder im Chaos verliert. 

Im Schweben verschieben sich die Farben

 

„Wenn Romeo und Julia gut ausgegangen wäre, wäre die Geschichte nicht berühmt geworden.“: Perfektion ließe erstarren. Leben und Wirken entsteht im Loslassen, mit dem Lösen von Perfektion.

Was in Renate Geiters Bildern ordnende, beheimatende Struktur geben könnte, wie etwa Häuser, Straßenzüge, Industrieanlagen, zersetzt sie. Renate Geiter entzieht Stabilität.

Formen verlieren sich in Gesten, welche die klaren Regeln, das scheinbar fest Gefügte aufbrechen. Perspektiven laufen widersprüchlich gegeneinander, Farben verschieben sich überzeichnet ins Entgrenzte, dissonieren zwischen Pastellschreien und dumpf-mattem Grollen. Dazwischen Schmutz. – Und: Gold! Darf ich Gold nehmen? Gold changiert als Licht zur Maske. Kitsch? Darf nicht sein. Überhaupt: Tabus... Wie weit darf ich gehen, bevor ich geächtet werde?

So verschiebt sich Abbildung durch Brüche zur Metapher: Mit dem Aufbrechen der Perfektion erst keimt das Lebendige, entsteht die neue Welt in verhangener Melancholie.

Sie entsteht und verdrängt die heile „nette“ Welt. Die Welt der „netten“ Eltern, der „netten“ Nachbarn, deren „Nettsein“ sich wie ein Tarnanzug über ihre Aggression legt. Die Sehnsucht in Renate Geiters Bildern löst solch falsche „netten“ Wirklichkeiten auf. Und ermöglicht damit, zur Begegnung mit dem Sein zu führen, auch auf diesem Wege anerkennend, das sogar die Perfektion der Brüche ein Verrat an der Wahrheit wäre. „Schönheit ist das, dem ich aktiv begegne“.

Dieser künstlerischen Position fügt sich Renate Geiters Malprozess: „Im Entstehungsprozess ist mir der Zufall sehr wichtig. Die Farbe wird zum Spiel, das in Bewegung bleibt.“

Nass in Nass aufgetragene tiefere Farbschichten werden in Folgeschritten abgezogen. In gelenkten Zufallsverfahren stoßen sich unterschiedliche Farbmaterialien ab oder verschmelzen im Fließen zu Gebilden mit eigener Energie. In derart sich teilautonom entwickelnden abstrakten Formen lässt Renate Geiter Gegenständliches erahnen, greift es auf. Und sie zerstört wieder, was verlangte, zu genau zu werden.

Ein dem entgegengesetzter Prozess steht zur Seite: Gegenständlich Eröffnetes wird verletzt, weiter und weiter der Dekomposition unterworfen. Dimensionen erfahren neue Gewichtungen, Richtungen wird ihre Logik entzogen, Farben in andere Erlebnisoktaven transponiert, durchbrochen, wieder neu überlagert von vielleicht sogar Semifigurativem, das sich auf der Erlebnis-Dimension ganz nah, ganz eng hineinzwängt, die konkrete Funktionalität des Angedeuteten verlassend, den Seins-Raum erweiternd.

Romeo und Julias Geschichte hat auf den guten Ausgang verzichtet. „Ein ... Prinzip, das meiner Malerei zugrunde lag, war es, aus dem Chaos eine Ordnung zu schaffen, die sich bei genauerer Betrachtung wieder im Chaos verliert“ – Wir leben.

 

© Text: Klaus Damm 2016